Land und Leute
3dflagsdotcom_gerna_2fabm
3dflagsdotcom_uk_2fabm02

Land und Leute

Klischees

Über Rumänien ist in Deutschland wenig bekannt. Man hält es für ein Land weitab, öde und langweilig. Sogar die Hauptstad Bukarest wird aus phonetischen Gründen oft mit Budapest verwechselt. Verbreitet ist die Vorstellung, daß Rumänien auf dem Balkan liegt, was geografisch gesehen nicht stimmt.

Selbst vernünftige Menschen fragen immer wieder ernsthaft nach Drakula und Vampiren. Ende der 80er Jahre schwappte eine moderne Variante in den Westen, nämlich der in Rumänien verbreitete Glaube, der Diktator Ceausescu habe sich regelmäßig Bluttransfusionen verabreichen lassen, für die Waisenkinder getötet wurden. Jedenfalls: wenn es (wie überall) auch genügend blutrünstige Herrscher gegeben hat, so doch keine bluttrinkenden.

Die Horrorgeschichten um Dracula beinhalten eine historische Ungenauigkeit: Gemeinhin wird der im 15. Jahrhundert lebende Fürst Vlad Tepes (Vlad der Pfähler), die historische Gestalt, auf der Drakula basierte, mit seinem Vater, dem Fürsten Vlad Dracul (Vlad der Drache) verwechselt. Während der Vater ein eher milder Herrscher war, so war sein Sohn ein wahrer Tyrann, sozusagen ein mittelalterlicher Ceausescu. Seitdem erhält das Bild vom Rumänien blutsaugender Tyrannen immer neue Nahrung. Zum Beispiel durch Bram Stokers Roman "Dracula" oder durch die "Kulturbilder" des Reiseschriftstellers Karl Emil Franzos.

Seit Gruppen von rumänischen Kriminellen in Deutschland aktiv sind, kommen Rumänen in den auflagenstärksten deutschen Zeitungen und Nachrichtenmagazinen meistens als eine Art Untermenschen vor: als Bettler und Sozialhilfebetrüger, als archaische Kriminelle, die alles niederschiessen, was sich ihnen in den Weg stellt. Andere Lieblingsthemen in den deutschen Medien sind das Elend und die Verwahrlosung in Rumänien. All das gibt es, aber selten ist die Perspektive der Medien eine Perspektive der Relationen. Und selten wird nach den Hintergründen gefragt.

Heile und geschundene Natur

Rumänien besitzt viele reizvolle Landschaften und ursprüngliche Naturschönheiten. Dort allerdings, wo "Modernisierungen" durch das Ceausescu-Regime vorgenommen wurden, trägt die Natur auf traurige Weise die Male ihrer Auswirkungen.

Die Oberfläche des Landes verteilt sich zu je einem Drittel auf Gebirge, Hügelland und Ebenen. Die Karpaten bilden einen etwa 600 km langen Halbkreis von Nordosten nach Südwesten, die Gipfel erreichen an vielen Stellen 2000 m. Der höchste Berg ist der Moldoveanu mit 2544 m Höhe. Man kann das Land grob in 6 Gebiete einteilen:

- Siebenbürgen

- Bukowina

- Moldau

- Walachei

- Dobrudscha und Donaudelta

- Bukarest

"Land jenseits des Waldes": Siebenbürgen

Das gesamte Gebiet nördlich und westlich der Karpaten wird im Deutschen Siebenbürgen genannt. Im historischen Sinne umfaßt Siebenbürgen nur die zentralrumänische Siebenbürgische Hochebene. Die genaue Herkunft des Namens Siebenbürgen ist nicht geklärt; vermutlich liegt ihm die administrative Siebenteilung der Region im Mittelalter zugrunde.

Transsilvanien ist ein im Deutschen weniger gebrauchter Begriff für das geographische Siebenbürgen. Der Name bedeutet "Land jenseits des Waldes" und geht auf den ungarischen Namen für Siebenbürgen zurück: Erdely (von ung. erdö = Wald; hiervon wiederum rumänisch: Ardeal). Waldreichtum ist ein Kennzeichen der siebenbürgischen Landschaft.

Wie groß er einst überall in Siebenbürgen gewesen sein muß, lassen noch heute einige Randgebiete ahnen, die überwiegend bewaldet sind: die Maramureş in Nordrumänien oder das auf der siebenbürgischen Seite sanft abfallende Karpatenvorland. Ein anderes Kennzeichen Siebenbürgens ist seine spezifisch ausgeformte Oberfläche: ausgedehnte, ebenmäßige Täler, umgeben von sanft gewellten Bergketten. So entsteht die für eine Mittelgebirgslandschaft eigentümliche Perspektive eines großen, weiten Raumes und eines fernen Horizontes.

Siebenbürgen besteht aus mehreren Regionen, die sich historisch-kulturell zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. Im Westen, an der Grenze zu Serbien und Ungarn, liegt das Banat, nördlich davon die Crişana (Kreischgebiet), im Norden die Maramures im Osten das Szeklerland und in Zentralrumänien das schon erwähnte historische Siebenbürgen. Einige Regionen haben sich seit Jahrhunderten wenig verändert, wie die Mararnures die wohl ursprünglichste Region Rumäniens, über die es heißt, daß die Uhren hier nicht die Zeit messen, sondern die Ewigkeit.

Wegen seiner Randlage und seiner Gebirgslandschaft ist das Gebiet wenig industrialisiert, und in den Dörfern haben sich traditionelle Lebensweise und Brauchtum erhalten. Die Bauern sind relativ wohlhabend, weil hier in der kommunistischen Zeit eine Kollektivierung (und damit Zerstörung der gewachsenen Strukturen) nur in geringem Umfang stattfand. Sie zeigen ihren Besitzstand durch die Zahl der Kochtöpfe an, die auf Zäune und speziell dafür hergerichtete Pfähle gestülpt werden.

Manche Städte Siebenbürgens wirken zugleich wie wertvolle Museen und Mahnmale industrieller Modernisierungswut. Die Architektur der alten siebenbürgischen Innenstädte ist vom Stil der Habsburger Monarchie geprägt, weist aber auch ihre Eigenheiten auf. An den Bauten einzelner Städte - an Wohnhäusern und Gehöften Burgen, Stadtbefestigungen, Kirchen und Synagogen - ist zu erkennen, daß hier viele Nationalitäten zusammengelebt haben oder noch zusammenleben: neben Rumänen, Ungarn, Deutsche, Armenier, Juden, Serben, Ukrainer und andere.

In vielen Städten ist die historische Bausubstanz jedoch vom Abriß- und Systematisierungswahn der Ceauşescu-Diktatur gezeichnet, leiden Einwohner unter Umweltverschmutzung. Zu deren Verursachern zählen neben den Fabriken in Copşa Mică die Chemiekombinate in Baia Mare (Frauenbach), Tirgu Mureş (Neumarkt), Zlatna (Klein-Schlatten), Făgăraş (Fogarasch) und die Zementwerke in Turda (Thorenburg).

Harry Schmitt

 

[Home] [Transsilvanien] [Land und Leute] [Landnutzung] [Minderheiten] [Wanderwege] [Tagebuch]